Thomas Melle "Die Welt im Rücken"

Cover: Rowohlt Verlag
Cover: Rowohlt Verlag

Ein Text, der bebt und grollt und zittert.

Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) ist das wichtigste, weltweit anerkannte Diagnoseklassifikationssystem der Medizin. Es wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben. 

F31.- Bipolare affektive Störung

Hierbei handelt es sich um eine Störung, die durch wenigstens zwei Episoden charakterisiert ist, in denen Stimmung und Aktivitätsniveau des Betroffenen deutlich gestört sind. Diese Störung besteht einmal in gehobener Stimmung, vermehrtem Antrieb und Aktivität (Hypomanie oder Manie), dann wieder in einer Stimmungssenkung und vermindertem Antrieb und Aktivität (Depression). Wiederholte hypomanische oder manische Episoden sind ebenfalls als bipolar zu klassifizieren.

„Ich möchte Ihnen von einem Verlust berichten.“ So beginnt das aktuelle Buch von Thomas Melle, Jahrgang 1975, geboren in Bonn, im „Hariboghetto“, wie er es selbst nennt. Nach einem Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften und der Philosophie in Berlin und den USA arbeitet er als Autor und Übersetzer. Für seine Werke, Prosa, Dramatik und Übersetzungen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen und Preise. Dem breiteren Publikum bekannt sind u. a. die Romane „Sickster“ und „3000 Euro“.

Der Verlust, über den der Autor zu Beginn des Textes berichtet, ist erst einmal der seiner Bibliothek, die er in der Raserei der ersten manischen Episode seiner bipolaren Erkrankung verkauft, und der zum Symbol des Verlustes seiner materiellen Existenz, seines ganzen Lebens wird. Bipolar I – das ist die ganz heftige Nummer. 1999 beginnt bei Melle die auslaugende und zerstörerische Achterbahnfahrt zwischen manischen und depressiven Episoden mit einer ersten Manie. „Dann kocht der Gehirnstoffwechsel über und der Mensch rastet aus.“

„Als ich Sex mit Madonna hatte, ging es mir kurz gut. (…) Sie hatte ihr Leben lang über mich gesungen. Wie auch Björk.“ In weiteren Episoden begegnet er Pablo Picasso und Hans Magnus Enzensberger, verkleidet als Frau im Nachbarabteil eines Zuges, oder er ist der Überzeugung, dass alle Leute über ihn unter dem Pseudonym des bayrischen Profifußballers Thomas Müller sprechen. Die Intentionalität der gesamten Welt ist auf ihn gerichtet. „Bei mir selbst fand eine Inversion statt: Was ich bisher geliebt hatte, zerstörte ich. Die Nächsten wurden dabei zu den Fernsten; die Fernsten zu den Nächsten. Während enge Freunde und Partner plötzlich wie infame Verräter wirkten, gab es Distanzprojektionen, die ich vornahm, die mich bedrängten – gern in Form von Büchern, Songs, Filmen, Artikeln.“

In der Manie pulverisiert Melle sein Konto, seine Wohnungen, sein Hab und Gut und nach und nach alle seine Beziehungen, sexuelle und freundschaftliche gleichermaßen; das monatelange Marodieren auf höchstem Erregungslevel, der Missbrauch von Substanzen, im Falle des Autors vor allem Alkohol, zerrüttet die Physis. Er wird zu dem, was er bei einem seiner ersten Aufenthalte in einer psychiatrischen Klinik noch abfällig-distanziert für eine Gruppe von „Mit-Patienten“ formuliert: Auch er wird ein Drehtür-Patient, je nach Verfasstheit und Energiepegel – rein, raus, rein, raus … „So verglühten die Nächte, Tage und Wochen. (…) Außen war Psychofasching, innen wütende Geschichtsparanoia und semantischer Wahn, die sich unzertrümmerbar verfestigt hatten.“

Und irgendwann kommt der Umschwung in jeder Manie, als ob ein bösartiger „Junger Mann zum Mitfahren“ unten am Schaltpult der Schiffsschaukel auf der großen Kirmes, an deren höchstem Punkt den Umkehrschub mit voller Wucht reingehauen hat und die Fahrgäste in der obersten Schaukel mit aller Wucht und Härte den Sicherheitsbügel in die Mägen gerammt bekommen: die Depression, über die es sich gar nicht so anekdotisch schreiben lässt wie im Nachgang über die Eskapaden, den Größenwahnsinn und die Allmachtsphantasien der Manie. „Die Überfeuerung der Neuronen hörte auf und schlug in ihr Gegenteil um. Die vorher überzähligen Botenstoffe im Kopf machten sich rar und erstarrten. Das Hirn fuhr herunter, die Seele verfinsterte sich und wurde plötzlich von einer allumfassenden Trauer zersetzt.“

In dieser Achterbahn ging es für Melle in den vergangenen gut 15 Jahren mehrfach bis zur vollständigen seelischen und körperlichen Erschöpfung auf und ab. „Und jetzt ist der Bipolare der Entfremdete schlechthin.“ Er findet sich im Raster der Dreifaltigkeit der Bipolarität: Me, Myself and I – der Manische, der Depressive und der „zwischenzeitlich Geheilte“.

„Die Welt im Rücken“ erschien im vergangenen Jahr pünktlich vor dem unausweichlichen Lauf über den literarischen Catwalk des Deutschen Buchpreises und das Feuilleton, das Gedruckte und das Gesendete, stürzte sich gleichermaßen gierig auf den Titel. Lang und breit wurde die Symptomatik der Krankheit diskutiert, gern aber auch, nach der Erhebung in den Bücherhimmel erst durch die Aufnahme auf die Long-, dann auf die Shortlist des Buchpreises, die Frage: Ob denn dieser Text wohl literarisch genug sei, um den Kriterien des Regelwerkes zu genügen? Oder kategorisch als schlichte Autobiographie zu behandeln sei? Der Autor gibt seine Antwort im Text: „Die Fiktion muss pausieren (und wirkt hinterrücks natürlich fort). Ich muss mir meine Geschichte zurückerobern.“

Die Antwort für den Leser, dem diese Diskussion von Jury und interessierter Öffentlichkeit gepflegt den Buckel runterrutschen kann: Es ist nicht wichtig! Entscheidend ist, dass der Text den Leser aus dem Buch heraus förmlich anspringt, bewaffnet mit konsequenter Lakonie wie mit einem nassen Handtuch und ohne jede Larmoyanz. Der Autor stemmt sich mit Brutalität gegen die Tür, hinter der das (Selbst-)Mitleid lauern könnte und gibt auf gut 300 Seiten keinen Fußbreit nach. Mit dieser Schreibhaltung erschöpft Melle sicherlich die empathischen Ressourcen etlicher Leser. Vom mühsam eroberten Hochsitz der Selbstdistanz konstatiert er kühl: „Meine Krankheit hat mir meine Heimat genommen. Jetzt ist meine Krankheit meine Heimat.“ Da möchte man diesem erschöpften Selbst (Alain Ehrenberg: „Das erschöpfte Selbst“) den Kern der philosophischen und psychologischen Grundsätze Viktor E. Frankls, dem Begründer der Logotherapie, mit auf den Weg geben: „Die Seele kann erkranken, aber der Geist nicht“. Was mit diesem Buch ein gutes Stück weit bewiesen wäre.

Martina Bade

Thomas Melle: Die Welt im Rücken, Berlin: Rowohlt Berlin, 2016, 347 S., 19.95 €
oder auch bei uns.

 
 
 
 

Öffnungszeiten Zentralbibliothek

Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Samstag

10-18 Uhr
10-18 Uhr
12-18 Uhr
10-18 Uhr
10-18 Uhr
10-14 Uhr

 
 
Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen