J. D. Salinger "Der Fänger im Roggen"

Cover: Rowohlt Verlag
Cover: Rowohlt Verlag

(Entzauberte) Ikonen der Jugend

Erinnern Sie sich? An „Demian“, „Unterm Rad“ und „Steppenwolf“? An „Wer die Nachtigall stört“ oder „Tonio Kröger“: die „coming of age“ – Romane einer Jugend in den 1980ern, die man damals noch nicht so nannte. Heute wären das vielleicht „Tschick“ oder „Alle Toten fliegen hoch“.

Ende Januar 2010 starb im Alter von 91 Jahren der Autor eines der wohl bekanntesten Bücher des 20. Jahrhunderts: "Der Fänger im Roggen“ von Jerome David Salinger. Nach seinem Erscheinen im Jahr 1951 wurde das Buch zu einem Millionenseller. Noch heute gehen nach Angaben der New York Times jedes Jahr 750.000 Exemplare allein in den USA über den Ladentisch. Das Buch sprach und spricht vor allem die Jugend an und so wurde es und ist es noch immer ein Kultbuch vieler Generationen. Sogar die zweifelhafte Ehre der Aufnahme in den Lehr- und Lektüreplan bundesdeutscher Schulen, wahlweise im Deutsch- oder im Englischunterricht, wurde ihm verliehen.

Salinger selbst wurde die Publicity bald zu viel. Im Jahr 1953 zog er sich komplett zurück und lebte seither in New Hampshire. In der Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit blieb er ein literarisches One-Hit-Wonder.

Die Geschichte des Fängers im Roggen ist schnell erzählt: Der 16-jährige Holden Caulfield erzählt im Ablauf dreier Tage im Dezember, warum er immer wieder aus Internaten fliegt, wie er durch das winterliche New York irrt, wie verlogen er die Welt der Erwachsenen findet und wie er am Ende seiner Odyssee im Krankenhaus landet.

Und nun – im Endspurt auf die 50 sitzt die Schreiberin dieser Zeilen und kämpft mit dem Text. WIEDERGELESEN! Nicht gut! Schon nach wenigen Seiten des WIEDERLESENS wird klar: der zarte Schmelz jugendlicher Verklärung ist dahin. Mit zunehmender Verärgerung arbeitet sich das nunmehr ältere Semester durch die holprigen Sätze und entwickelt zunehmend eine nicht zu relativierende Aversion gegen das pubertäre Bübchen und seine eitle, nicht enden  wollende, stakkato-artige Selbstbespiegelung. Man möchte ihn fast packen und schütteln, aus der Geschichte hinaus – auf den „Boden der Tatsachen“.

In der verwirrenden Zeit der eigenen Adoleszenz, DAMALS!!!, da hatte das Büchlein fast magische Faszination und Sog: auf der einen Seite Rebellion und Anrennen gegen die Normalos und Spießer in der Schule und Zuhause. Auf der anderen Seite die Achterbahn der Pubertät: Liebeskummer, Weltschmerz, Weltekel, sich unverstanden fühlen. Holden Caulfield, Bruder im Geiste. Vorbei. Gründlich und endgültig.

Auf Seite 84 wird das WIEDERLESEN erst unter- und dann abgebrochen – der Wiederleser ist zu alt, zu erwachsen, zu routiniert im Leben, zu abgefuckt, zu stumpf, …? Liegt das am Leser? Oder am Text? Die anderen Helden und Heldinnen der Jugend werden nochmals befragt: „Lederstrumpf“, „Dolly“, „Hanni und Nanni“, „Unterwegs“, ………… Hesse, Kerouac, Blyton, …. es funktioniert einfach nicht mehr.

Die Leserin legt Holden Caulfield auf Wiedervorlage – vielleicht in 15 Jahren, wenn sich der Kreis schließt, wenn sie alt genug ist – vielleicht wird sie dann wieder sicht- und fühlbar, die Faszination von vor 30 Jahren.

"Der Fänger im Roggen" von Jerome D. Salinger; übersetzt von Eike Schönfeld Rowohlt Taschenbuch Verlag; Auflage: 17, Neuübersetzung (2. Januar 2004) Preis: € 8,99
oder hier bei uns (Link zum Katalog)

 
 
 
 

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