Ulrich Schacht "Notre Dame"

Cover: Aufbau Verlag 
Cover: Aufbau Verlag

Die Ankündigungen versprachen einen Wenderoman, machten die Reihe auf: Uwe Tellkamp – Egon Ruge – Lutz Seiler, „Der Turm“ – „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ – „Kruso“. Kollege Seiler akklamiert den Text sogar auf dem Buchrücken als „das Kunststück, die Turbulenzen und Kapriolen des Nachwendejahres 1990 in einer radikalen, zärtlichen Liebesgeschichte zu erzählen“.

Der Rostocker Leser erkennt in der Vita des Autors vage Parallelen mit der Walter Kempowskis. Und auch im Subtext dieses Buches wird der stetig der Heimatbegriff verhandelt. Schacht, Jahrgang 1951, wuchs in Wismar auf, studierte in Rostock und Erfurt evangelische Theologie. Wegen „staatsfeindlicher Hetze“ wurde er zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt und drei Jahre später von der Bundesrepublik freigekauft. Er arbeitete in der Bundesrepublik als Journalist für zahlreiche renommierte Blätter sowie als freier Schriftsteller und lebt nunmehr seit vielen Jahren in Schweden. 2015 erschien die viel beachtete Novelle „Grimsey“, für die er unter anderem den Preis der LiteraTour Nord erhielt.

Deutlich autobiografisch geprägt ist der hier vorgelegte Roman. Torben Berg, 39 Jahre alt, ausgestattet mit der Vergangenheit des Autors, fährt im Herbst 1989 in die implodierende DDR, in die Heldenstadt Leipzig. In einem Klub, ganz offensichtlich der stadtbekannten Moritzbastei, lernt er an einem der ersten Abende wenige Wochen nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze auf der Suche nach Stimmungen und Lokalkolorit für seine Berichterstattung die Studentin Henrike Stein, kurz Rike genannt, kennen. Zwischen den beiden entwickelt sich nicht weniger als eine amour fou, die nicht bestehen kann, trotz aller Bemühungen. Berg schneidet seinem geduldigen Chefredakteur Dienstreisen nach Leipzig aus dem Kreuz, trennt sich von seiner Frau, verlässt somit auch ein Stück weit seine Tochter. „Furchtbar, sagte Berg, nichts ist entschieden. Ich weiß nicht, was ich machen soll, es ist ein wahnsinniges Auf und Ab. Rike ist die Liebe meines Lebens, aber ich wie, dass ich nicht mir ihr leben kann, zusammenleben, meine ich, ein Leben lang! Ich könnte es zwar, sie kann es nicht.“

Immer wieder nimmt Schacht den Leser mit in die Brocken seiner Erinnerung, nach Parchim, Schwerin und Wismar, an verschiedene Orte an der Ostseeküste, wo in der direkten Nachwendezeit das Leben seines Protagonisten verfilmt wird. Enger und enger verweben sich verschiedene Zeit- und Raumebenen, historische Rekapitulation und intimes Liebeserleben  im Text. Reisen quer durch Europa, nach Paris, England, Schottland, auf die Färöer, mit und ohne Rike bestimmen das Bild. Auf einer Reise nach Nordengland trifft Berg den Gewandhauskapellmeister, der dort mit dem großen Leipziger Orchester auf Tournee ist. Nach Paris fährt er erst in Begleitung der Tochter, dann der Geliebten, zum Schluss allein.

Einer der absurden Höhepunkte ist die Schilderung der Nacht der Wiedervereinigung, die Berg, seine Frau und Tochter sowie einige Freunde mit einer Vielzahl weiterer Gäste auf Einladung des Kulturministers „des Staates, den es in einer knappen Stunde nicht mehr geben würde“ in eben diesem Ministerium verbringen. Der Minister ehrt die Künstler, die der „für immer verschwindende Staat verfolgt, drangsaliert oder anderweitig daran gehindert“ habe, „ihre Kunst frei ausüben zu können“, indem er ihnen einen Orden verleiht. „Der Beifall danach war stark, das Durcheinanderreden und das Lachen nicht geringer, und doch lag einen Moment lang etwas zutiefst Atemstockendes in der rauchgeschwängerten Luft, eine Erstarrung, blitzkurz nur, sie ließ die ganze Szene zu einem ungeheuren Bild gerinnen, als ob Dalí den Pinsel geführt hätte. Keine Viertelstunde später waren auch …. und Berg Kunstpreisträger des gerade untergehenden Staates, ….“

Je enger die beiden Staaten im Verlaufe der Handlung zusammenwachsen, desto mehr entfernen sich die beiden Individuen voneinander. Ulrich Schacht ist ein Architekt der Sprache und Literatur; er konstruiert kunstvoll und gewaltig (eben kathedralenartig!) große Handlungsbögen und leise und fein wie eine Klöppelarbeit dichte Sätze. Aber – eine Wenderoman?!?


Ulrich Schacht: "Notre Dame"; Aufbau Verlag;  1. Auflage Februar 2017; gebundene Ausgabe: 431 Seiten, € 22,-

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