Kerstin Preiwuß "Nach Onkalo"

Cover: berlin verlag
Cover: berlin verlag

Schon das Motto straft den Klappentext Lügen. Da wird von einer „Provinzgeschichte über die großen Fragen des Lebens“ gesprochen. Das Zitat, das dem Text vorangestellt ist, aber heißt:

„Sein Fels ist seine Sache.“ von Albert Camus

Also keine Provinzgeschichte über die großen Fragen des Lebens, sondern eine Geschichte über die großen Fragen des Lebens, die in der Provinz spielt. Denn hier wird der Mythos des Sisyphos bemüht, nichts weniger oder kleiner. Dass das genau die Absicht der Autorin ist und nicht ein Zufallstreffer aus der Zitatendatenbank, sagt dem Leser gleich der erste Satz des Textes: „Mutter ist weg.“ Eine Paraphrase auf den ersten Satz des Romans „Der Fremde“ von Camus: „Heute ist Mutter gestorben.“ Und dieser Satz ist wie in der Musik das Thema des Buches, das die Autorin auf gut 200 Seiten variiert.

Verlust ist das Grundthema der Geschichte. Hans Matuschek ist 40 Jahre alt als seine Mutter stirbt. Damit gerät sein Leben vollständig aus den Fugen. Das große Kind ist hilflos: Beerdigung, Wäsche waschen, die Tauben versorgen, pünktlich zur Arbeit erscheinen, einkaufen. Erst hilft Igor, der Nachbar, mit dem unüberwindbaren Verwaltungskram. Seine Frau Galina kocht. Igor und Galina verkuppeln Matuschek mit Irina und die Männer gehen zusammen angeln. Freund Witt gibt Ratschläge für die Taubenzucht. Und warnt vor dem vermeintlichen neuen Freund, der ins Nachbarhaus zieht. Am Ende sind sie alle weg, gegangen, gestorben, ...

Die Geschichte spielt in der nordostdeutschen Provinz, im abgehängten Nirgendwo, zwischen Lubmin im Kreis Vorpommern-Rügen, wo zu DDR Zeiten das Kernkraftwerk Nord in Betrieb war, und der Küste. Matuschek, die Autorin duzt ihren Protagnisten nicht, arbeitet auf einem nahegelegenen Flugplatz als Wetterbeobachter. Bis er diese Arbeit verliert. So, wie sein Kollege prophezeit hat: „Wie hier, …, sind wie Heizer auf ner E-Lok.“

Witt, der im Kernkraftwerk gearbeitet hat, bringt sich im Bunker unter seinem Haus um. An dem Ort, den er akribisch fürs Überleben nach der Katastrophe hergerichtet und ausstaffiert hat. In seinem  Abschiedsbrief schreibt er: „Mir bleibt nichts. …. Die Einsamkeit ist allein deswegen einsam, weil sie einsam ist. Das musst Du mir versprechen, dass niemand über mich spotten wird. Noch habe ich recht darin.“

Mit den ersten Verlusten versucht Matuschek noch sich zu arrangieren, doch bald verlassen den mecklenburgischen Sisyphos die Kräfte, um den Fels wieder und wieder den Berg hinaufzurollen. Matuschek verwahrlost zunehmend, er säuft, vernachlässigt sich und die Tiere; der Traum vom gemeinsamen Urlaub in Norwegen mit Irina rückt in unendliche Ferne. Mit den Menschen verliert er den Halt. Die (nackte) menschliche Existenz, geworfen auf sich selbst. Da hilft auch die ganz laute Musik aus dem Autoradio nicht: „Hinterm Horizont …. Endlich geht’s mir wieder gut und ich hab jede Menge Mut und steh da richtig drüber.“

Kerstin Preiwuß, Jahrgang 1980 wurde in Lübz geboren und lebt als freie Autorin in Leipzig. Ursprünglich Lyrikerin, ist „Nach Onkalo“ ihr zweiter Roman. Dass sie aus der Poesie kommt, ist auch in der Sprache dieses Buches deutlich zu spüren. Unauffällig, nahezu beiläufig, mit vermeintlich großer Distanz und einer Chronistenpflicht gehorchend, hat sie diese Geschichte aufgeschrieben. Doch jeder Satz ist Teil der großen Komposition, da sitzt jede Vokabel.

Die gute Nachricht zum Schluss: anders als im Camus’schen „Versuch über das Absurde“ hat dieses Buch fast so etwas wie ein Happy End, in dem wir auch erfahren, was es mit „Onkalo“ auf sich haben könnte.

"Nach Onkalo" von Kerstin Preiwuß; berlin verlag; März 2017 Preis: € 20,00

Bei uns im Verleih: Link zum Katalog

 
 
 
 
 
 

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