Bodo Kirchhoff "Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt"

Cover: Frankfurter Verlagsanstalt
Cover: Frankfurter Verlagsanstalt

Hier kommt das Buch zur Stadt! Das Thema „Kreuzfahrt“ und „Kreuzfahrttourismus“ und „Kreuzfahrttouristen“ erobert die deutschsprachige Hochliteratur. Möchte man zumindest denken, denn niemand anderes als der Träger des letztjährigen Deutschen Buchpreises, Bodo Kirchhoff, nimmt sich nun des Sujets an. Auf feinen 130 Seitlein, ein „Nebenwerk“, wie der Autor selbst sagt. Die Leser sind wahrlich Großes und Bedeutendes, Tiefes und Existenzielles aus dieser Feder gewohnt, erst letzten Herbst „Widerfahrnis“, in früheren Jahren auch Titel wie „Parlando“ oder „Die Liebe in groben Zügen“.

Aber – der Mann kann auch ganz, ganz anders; wir erinnern uns an „Schundroman“ aus dem Jahr 2002, eine herrlich trashige Parodie auf den Literaturbetrieb, meisterhaft konstruiert nach dem Muster aller Groschenhefte dieser Welt. Oder „Erinnerungen an meinen Porsche“, in dem ein Investmentbanker in einer Kurklinik in der Mitte von nirgendwo nach einer Attacke auf seine Männlichkeit (nämlich besagten Porsche) mit seinen Problemen kämpft, eine ziemlich geniale Verschränkung von Trivialliteratur und den großen Themen der Welt.

Doch zurück zum aktuellen Buch: Ein Autor, durch den die Person des Verfasser doch immer wieder deutlich hindurchschimmert, erhält eine Einladung, als Gastkünstler an einer Kreuzfahrt teilzunehmen. Durch die Karibik, von Havanna nach Havanna, über Weihnachten und Neujahr. Alles gratis und umsonst, er muss dafür nur mehrfach auf der Arkadia II der Arkadia Line aus seinem umfangreichen Werk lesen. Verlockend, .. auf den ersten Blick diese Mail, aber der Hase liegt im Anhangpfeffer. Da steht auf 18 ausufernden Seiten ausgeführt, was man vom „Sprachlieferanten“ an Verhaltensweisen etc. auf dem Schiff erwartet. „Sie werden in der Buchhaltung als Lieferant angelegt, heißt es da, ein Vorgang, der bis zu zwölf Wochen dauern kann. Und: bitte beachten Sie, dass Sie in der Zeit einen Anruf aus Miami erhalten. Dort befindet sich der Sitz von Diamond Cruises, unserer Muttergesellschaft, und die Hauptbuchhaltung. Die Kollegen werden telefonisch die letzten Ziffern ihrer Bankdaten abgleichen. Zitat Ende.“

Stets freundlich allen und allem gegenüber, zugewandt den zahlenden Passagieren, aber nicht zu nah, weder moralisch noch unmoralisch sprechend – so hat er sich zu betragen; darauf hat der „Edutainer“ nur eine Antwort, nachdem er die Unmöglichkeit der Umsetzung dieser Maßgabe an der Kreuzfahrt-Front mit genüsslicher Bösartigkeit seziert hat:„Die Reederei sollte also wissen, dass ich auf dummes Gerede noch dümmer antworte und dazu noch ein Meister im Beenden unerwünschter Unterhaltungen bin.“

UND: alle Lesestücke vorher der Reederei vorlegen – wie soll das gehen? Ein Schriftsteller zwischen Amusement Arcades und Schlagerunterhaltungen? „Dort fliegt das Konfetti, und im entlegensten der Salons – an der Tür ein weißes Schild mit den Worten Lesung, bitte Ruhe in schwarzen Buchstaben wie die Überschrift einer Traueranzeige – sitzt der Schriftsteller im Schein einer Lampe, vor sich auf dem Tisch sein Buch und ein Glas Wasser, und selbst wenn er guter Dinge ist, kommt er damit nicht gegen das Türschild an.“

Der Autor antwortet, nimmt sich Zeit, ausführlich, ausschweifend, manchmal eindeutig, manchmal zweideutig; manchmal ätzend zynisch, manchmal philosophisch pointiert. Immer wieder befeuert von einem guten Schluck des guten Whiskeys. Und so dezent innerlich „befeuchtet“, entsteht eine kleine tour de force durch das Leben des Autors, Liebe und sexuelle Vorlieben, seine Sicht auf die Mitmenschen,  auf die Weltpolitik, auf den kleinen schwerhörigen Hund, die Dicke von Wänden, wenn nebenan Körpersäfte fliessen, die Besucherzahl bei Lesungen in Literaturmetropolen wie Gütersloh, alles nicht ohne Selbstverliebtheit, aber auch mit viel Selbstironie. „Oft harmonieren wir ja nicht einmal mit den uns sexuell Nahestehenden, auch wenn wir das Bett mit Ihnen teilen und sie vor dem Einschlafen küssen, was nur manchmal nichts anderes ist, als einem Hund die Hand aufs Maul zu legen, um das Gefühl der Fremdheit der überwinden.“ Peng!

Und natürlich wird auch kein böses Klischee ausgelassen: „Ich darf hier festhalten: Der Holländer ist laut, der Franzose aufgeblasen, und der Österreicher, der wahllos Komplimente verteilt, nicht gerade glaubhaft; von den Schweizern, die uns rundheraus ablehnen, gar nicht reden.“

Kirchhoff schreibt erfrischend ohne Moral, piekst oft dahin, wo es weh tut, hält uns den Spiegel in der Außenkabine vor, hebt aber niemals den Zeigefinger. Das macht das Buch auch für diejenigen lesbar, die regelmäßig an Bord gehen und auf diese Art von Urlaub und Entspannung schwören. Ob der Autor im Text die Einladung annimmt, lassen wir an dieser Stelle offen und schließen: „… hier gilt das alte Goethe-Wort: Alles in der Welt lässt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen Tagen!“

"Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt" von Bodo Kirchhoff; Frankfurter Verlagsanstalt; Juli 2017; Preis: € 18

Bei uns im Verleih: Link zum Katalog

 
 
 
 
 
 

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