Petra Morsbach "Justizpalast"

Cover: Knaus
Cover: Knaus

„Schrift ist Gift.“ Dies ist einer der Leitsätze im Mahlstrom des bundesdeutschen Justizsystems, in den dieses Buch den Leser mitnimmt oder besser: einsaugt. Denn: einmal aufgeschrieben, manifestiert sich die Causa in der (Gerichts-) Welt und ist durch nichts mehr zurückzuholen. Auf gut 450 Seiten beschreibt Petra Morsbach akribisch in dem Ende vergangenen Jahres erschienenen, hoch akklamierten Roman „Justizpalast“, mal chronologisch, mal in Rückblenden, Arbeit und Leben der Richterin Thirza Zorniger. In dieser Reihenfolge.

Nomen est omen: „Thirza“ „die Anmutige, die Wonne, die Lieblichkeit“ Zorniger. Komparativ. Was für ein Gegensatz! Das Ergebnis einer unglücklichen Verbindung zwischen dem extrovertierten und selbstverliebten Schauspieler Carlos Zorniger und seiner Frau Gudrun, die, verlassen vom Gatten und allem Optimismus, früh stirbt. Die kleine Thirza wächst beim Großvater und dessen Schwestern auf. „Schon Thirzas Mutter wäre gerne Richterin geworden.“ Das wurde sie nie, erst kam der Mann, dann die Krankheit. Aber Thirza, die kleine tapfere Ritterin, anstelle der Mutter, ist eisern, beißt sich, dem Großvater und sich selbst zum Trotz und Beweis, durch  und stürzt sich in das juristische Hamsterrad. Schon früh konstatiert sie auf die Bemerkung eines Kollegen hin: „Es gibt Schlimmeres, als Durchlauferhitzer im Justizpalast zu sein.“

Und so öffnet die Autorin dem Leser nicht nur die Gedanken der Richterin Zorniger auf ihrem Weg von Karrierestufe zu Karrierestufe bis zur Kammervorsitzenden sondern auch in die Welt derer, die vor Gericht entweder ihr Recht oder sogar Gerechtigkeit suchen. Morsbach selbst sagt in einem Interview: „Nur unglückliche Menschen ziehen vor Gericht.“ Und davon gibt es in den Gerichtssälen der Republik und auch in diesem Buch wahrlich ausreichend. Weit mehr als 100 Fälle skizziert sie, bettet sie ein in das Leben der Protagonistin. Oder auch andersherum? Neben den dienstlichen und privaten Begebenheiten, die ein ums andere Mal ineinander verschwimmen, paradiert das in Sprache (vor allem) und Stil rechtswissenschaftlich gestählte Personal durch die Szenerie: Richter, Anwälte, Staatsanwälte, Kläger, Beklagte, Referendare, ……….. A propos: ein solcher ist einer der wenigen, der das ausspricht, was sich der Leser sicherlich während der Lektüre deutlich mehr als einmal denkt: „Haben Sie bei solchen Figuren noch nie gedacht: Verpiss dich! Warum fickst du dich nicht selber?“ „Mal ehrlich“, gab Thirza zurück, „haben Sie sich schon mal Gedanken über die Rolle des Richters im Zivilprozess gemacht?“ Der das sagt, ist (sic!), der Referendar Pfeiffer mit drei „f“; die spröde Replik der Frau Richterin hingegen lässt das Humorzentrum unbefriedigt. Die „Pfeiffer’sche Formel“ wird im weiteren Verlaufe immer noch einmal bemüht werden, der Rest bleibt „Aktenkauerei“. In der wir Nicht-Juristen lernen, was eine Schiebeverfügung oder ein U-Boot ist:: „Sie las das schreckliche Kürzel z.e.A.: zur erneuten Anwendung. Es bedeutete, wie befürchtet, einen Rückverweis. … …. war ein zwölf Jahre alter gänzlich verdorbener Uralt-Fall, ein justizintern so genanntes U-Boot.“ Und davon gibt es reichlich im System. Es geht um Familienrecht, Kartellrecht, Markenschutz, alle Spielarten des Zivilrechts - nicht um Mord oder Totschlag. Und gerade da eröffnet sich dem juristischen Laien das Innenleben dieser Kaste derer, die als „Stützen des Systems“ selbiges zwar in vielerlei Hinsicht wortreich verfluchen, letztendlich aber mit ihrem Tun und Lassen die aufrechterhaltenden Bedingungen für dessen Fortbestehen schaffen.

Auch wenn die geschilderten Fälle, bis in die Gegenwart hinein, spannend und sogar poltisch-bayrisch-bundesdeutsch brisant bleiben und das Leben der Thirza Zorniger hinter den Akten manches Mal nicht ohne Höhe- und Tiefpunkte ist, bleibt die Richterin merkwürdig blass und unplastisch, blasser als manch andere Figur, die neben ihr erscheint. Alle rechtsphilosophischen und literarischen Exkurse sind ohne sichtlich erbebende Wirkung auf Szenen, Situationen, Figuren. Die Distanz zwischen Morsbach und ihrer Protagonistin, der Abstand der Dokumentarin, bleibt spürbar. Die Autorin, Jahrgang 1968, war zehn Jahre als Dramaturgin und Regisseurin tätig. Die Vermutung liegt nahe, dass daher der fast szenische Schreibstil rührt, der Fälle und persönliche Schicksale miteinander verwebt. Und doch ist am Ende ein kleiner Wermutstropfen in das Lob zu träufeln: nach neun Jahren Recherche fehlte vielleicht der Blick für das richtige Maß, das rechtzeitige Finale, bevor der Leser der Konstruktion überdrüssig wird.

"Justizpalast" von Petra Morsbach; Knaus Verlag; 4. September 2017; Preis: € 25

Bei uns im Verleih: Link zum Katalog

 
 
 
 
 
 

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