Oliver Bottini "Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens"

Cover: Dumont Verlag
Cover: Dumont Verlag

„Im Licht tut alles weniger weh.“

Ja, dieses Buch ist ein Krimi. Es hat schließlich den Deutschen Krimipreis 2018 bekommen. Es gibt Tote und Polizei und Mörder und Blut und Waffen. Alles da also für die „klassische Rezeptur“.

Oliver Bottini wurde 1965 geboren und lebt in Berlin. Der diesjährige Krimipreis ist nicht die erste Auszeichnung für seine zahlreichen Bücher. Am bekanntesten sind die Romane um die Freiburger Kommissarin Louise Bonì.

Dieser Plot führt den Leser in das ländliche Rumänien der Gegenwart. Ein junges Mädchen, Tochter eines „Großgrundbesitzers“, eines Deutschen, wird erstochen. Die Lösung des Falles, die sich Kommissar Ioan Cozma und seinen Kollegen quasi auf dem Silbertablett präsentiert, scheint einfach, zu einfach. Die Beamten forschen weiter und stoßen bald auf andere Hintergründe und Zusammenhänge.„Cozma nickte, obwohl er noch nicht alles verstand, doch immerhin begann er, das Wesentliche zu begreifen: Das Einfache existierte nicht, es war nur der Augenschein. Von Anfang an war alles in diesem Fall kompliziert gewesen.“

Der komplementäre Part der Handlung spielt in Mecklenburg-Vorpommern, in einem Dorf namens Prenzlin. Im Wolfserwartungsland, östlich der A 19, wo die Dörfer leer sind und verfallen.

Und bald erschließt sich, welches Thema der Autor unter der Krimihandlung und neben den menschlichen Tragödien der Vergangenheit verhandelt. Es geht um Land Grabbing.  Um die „Aneignung“ von riesigen, nach Möglichkeit zusammen hängenden landwirtschaftlich genutzten Flächen durch Großkonzerne und branchenfremde Investoren. Dort werden in Monokulturen Nahrungsmittel oder Biomasse für den Export angebaut, die der Ernährungs- und Energiesicherung der Herkunftsländer der Käufer  dienen.

Dankenswerterweise stellt Oliver Bottini auf seiner Homepage eine große Auswahl seines eigenen Recherchematerials vor, das sich fast so spannend liest wie das Buch selbst.

Er schildert den Ausverkauf Rumäniens durch Chinesen, Araber, Investoren aller Art und Couleur: die Methoden der Aufkäufer auf den Sofas der Kleinbauern – Zuckerbrot und Peitsche, das Re-Design der agrarischen Landschaft durch das Einebnen von Hecken, Abgrenzungen und Fruchtfolgen, damit auf riesigen uniformen Flächen die Monokultur einziehen kann. Und schlägt den Bogen zurück in das Mecklenburg-Vorpommern der unmittelbaren Nachwendezeit, als die unselige Interessenvereinigung von Brüsseler Subventionspolitik, Treuhand’scher Privatisierungsmaxime und LPG-Nachfolgen verhinderte, die riesigen Flächen wieder in überschaubare Größen zerfallen zu lassen.

Zwischen diesem Wirtschaftskrimi und Ökokatastrophenszenario torkeln zerstörte, von Verlusten und persönlichen Enttäuschungen gezeichnete Gestalten durch beide Erzählstränge, begegnen sich, verstehen sich fast wortlos, laufen wieder auseinander.

„Wenn es so einfach gewesen wäre.
Einfach nicht, aber dafür friedlich. Eine friedliche Revolution.
Richtig, ihr hattet keine Toten.
Vorher und nachher schon.
Nachher?
Selbstmorde. Stasi-Leute, Offiziere. Parteikader. Und bei Euch?
Über tausend. Die meisten erst nach der Hinrichtung von Ceausescu am 25. Dezember. Ist noch nicht ganz klar, was genau geschehen ist. Welche Rolle haben Ceausescus Gegner in der Kommunistischen Partei, das Militär, die Securitate gespielt. Deshalb nennen es die einen „Revolution“, die anderen „Staatsstreich“.“

Und wie das Leben und die Erinnerungen der Figuren so ist auch deren Sprache: hilflos, karg und barsch, voll von nicht Gesagtem.

Michael Winter, einer der Protagonisten, hat 2011 im Sandsturm bei der Massenkarambolage auf der A 19 kurz vor Rostock seine gesamte Familie verloren. Er flieht vor der Erinnerung nach Rumänien, doch die Schuld und die Geister seiner beiden Kinder kann er nicht abschütteln.

„Ein Sandsturm in Mecklenburg? Es musste irgendwann passieren. … Dreißig, vierzig arrondierte Hektar, der ganze Kunstdünger, Monokulturen, die erodierten Böden, dann die Trockenheit in den Woche davor, der Wind an dem Tag selbst, und der Bauer grubbert den Acker …. Also trägt der Wind die oberste Krume mit neunzig Stundenkilometern ab, und so wird eben ein Sandsturm daraus. Kein Baum, keine Hecke zwischen den Parzellen, weil es ja keine Parzellen mehr gibt, kein Feldgehölz, nichts, was ihn abgebremst hätte. Und die Hecke am Feldrain haben sie 2007 abgeholzt, vor dem G-8 Gipfel in Heiligendamm.“

Der rumänische Polizist Ioan Cozma, den seine Folterer-Vergangenheit wieder einholt, der Vater des Mordopfers, über den ein arabischer Geschäftsmann sagt: „He is another person in another life now“., sie alle verlangen dem Leser eine Menge ab: Zeit, Aufmerksamkeit, intensive Beschäftigung und empathische Anstrengung – Gute-Laune-leichte-Krimi-la-la-Lektüre ist das wahrlich nicht.

 „Wenn die guten Zeiten vorbei sind, was wird dann aus uns, Adi? Na, hoffentlich sind sie vorbei! Nach den guten Zeiten kommen doch die besten.“

"Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens" von Oliver Bottini; DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; Auflage: 3 (30. Januar 2018), 
Preis: € 22,00

Bei uns im Verleih: Link zum Katalog

 
 
 
 
 
 

Öffnungszeiten Zentralbibliothek

Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Samstag

10-18 Uhr
10-18 Uhr
12-18 Uhr
10-18 Uhr
10-18 Uhr
10-14 Uhr

 
 
Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen