Oliver Sacks "On the Move: Mein Leben"

Irvin D. Yalom "Wie man wird, was man ist: Memoiren eines Psychotherapeuten"

 
Cover: Rowohlt
Cover: Rowohlt

„Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den anderen Satz, dass vorwärts gelebt werden muss.“

Sören Kierkegaard


Dies ist kein Text über ein Buch. Oder einen Autor. Dies ist ein Text über Lebenswerke. Zwei. Aber der Computer möchte einen Titel und einen Autor – also halten wir uns dran. Zum Schein.

Schon vor fast drei Jahren erschienen die Lebenserinnerungen des englischen Neurologen Oliver Sacks. Gerade rechtzeitig hatte der „Schriftsteller unter den Ärzten“ sich hingesetzt  und sein Leben aufgeschrieben. Am 30. August des gleichen Jahres starb er in New York.

Berühmt wurde Sacks 1973 mit einem Buch über seine Arbeit mit Patienten, die nach einer Gehirnentzündung in eine vollständige Starre gefallen waren. „Zeit des Erwachens“ wurde einige Jahre nach seinem Erscheinen mit Robin Williams verfilmt.

Durch das Aufkommen von L-Dopa begann er, mit diesen Menschen zu arbeiten und experimentierte mit dem Wirkstoff. Generell wird dem heutigen Leser bei der Lektüre, vor allem der früheren Schilderungen über die Arbeitsweisen in der damaligen Neurologie und Psychiatrie deutlich, wie schnell Wissen und therapeutische Methoden in den vergangenen Jahrzehnten vorangeschritten sind. Im Jahr 2018 kräuselt sich bei einer Vokabel wie „Insulinschock“ leicht die Kopfhaut; eine Vorgehensweise, die damals „state of the art“ war.

Sacks Mutter, eine angesehene und allseits respektierte Ärztin kommentierte die Erkenntnis, dass ihr Sohn Oliver homosexuell war, mit den Worten: „Ich wünschte, du wärst nie geboren worden.“ Ein Wunde, die der Sohn mehr als 60 Jahre später mit viel Gelassenheit und Großzügigkeit kommentiert, die aber in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg, in denen Homosexualität kriminalisiert und gesellschaftlich vollständig tabuisiert war, prägend für sein Leben war.

Geboren wurde er 1933 in London als einer von vier Söhnen eines jüdischen Arztehepaares. Es war von Anfang an klar, dass auch er, wie zwei weitere seiner Brüder, Arzt werden würde.

1960 fuhr er für einen Urlaub nach Kanada – eigentlich um der Einberufung zum britischen Militär zu entgehen und in Kanada eine Art Ersatzdienst in einem Land des Commonwealth abzuleisten, - aus dem dann nichts wurde. Den größeren Teil seines Lebens verbrachte er in der Folge in den USA.

„On the move“ ist ein absolut treffender Titel – zum einen für das Buch selbst. Sacks hat sein Leben lang wie besessen Tagebuch geführt, er ging nie ohne ein Notizbuch aus dem Haus. So entstanden auch Reise-Tagebücher und aus diesen wird in „On the move“ ausführlich zitiert. Es zeigt zum anderen auch, wie dieser Mensch sein Leben lang „in Bewegung“ war – im Wortsinne und im Geist. Themen, Orte, Menschen, Projekte, Diagnosen rauschen am Leser vorbei, Namen wie Aldous Huxley, W.H. Auden und vieler anderer Berühmtheiten bevölkern die Szenerie. Freundschaften, private und kollegiale, sind für Sacks ein ebenso großes Thema wie Familie und er pflegte sie, auch brieflich, teilweise über Jahrzehnte. Und wie es der Teufel will, hat er nicht nur  Briefe aufbewahrt, die er bekommen hat, sondern auch die eigenen kopiert. 

Im Laufe der Jahrzehnte sind so zahlreiche Bücher und Artikel entstanden, in denen Sacks Menschen beschreibt, deren Kampf oftmals nicht der Kampf „gegen“ ihre Krankheit ist, sondern der Kampf, „mit“ der Krankheit zu leben.

"On the Move: Mein Leben" von Oliver Sacks; Rowohlt Verlag; Auflage: (30. Mai 2015) Preis: 24,95 €

Bei uns im Verleih: Link zum Katalog

Cover: btb Verlag
Cover: btb Verlag

Eigentlich hätte schon längst Schluss sein sollen mit dem Bücher schreiben. Als 2008 „In die Sonne schauen. Wie man die Angst vor dem Tod überwindet“ erschien, schien der Lebenskreis geschlossen. Und der Autor Irvin Yalom, immerhin Jahrgang 1931, plante keine größeren Projekte mehr. Doch dann waren doch noch zwei weitere Bücher „in ihm“ bevor er nun, Ende vergangenen Jahres, seine Autobiographie vorlegte.

Er schildert darin seine Kindheit in Washington in einer Familie jüdischer Einwanderer, die von Armut, Arbeit, Freudlosigkeit und eigener Bildungsferne geprägt war, für den kleine Irvin allerdings auch von dem unbedingten Willen nach Lesen, Lernen und Welt verstehen. Seinen Kampf durch die Institutionen und den dort zu dieser Zeit wie selbstverständlich herrschenden Antisemitismus. Seine Karriere als Neurologe, Psychotherapeut, Wissenschaftler, Philosoph, Lehrer, Familienvater und Schriftsteller. Und wie auch in seinem therapeutischen Ansatz und seinen zahlreichen Büchern, gibt Yalom auch hier, am Ende seines Lebens in der Rückbetrachtung, sehr viel von sich, seinen Gedanken, seinen Gefühlen, seinen Zweifeln.

Zahlreiche Parallelen zu den Erinnerungen von Oliver Sacks tun sich auf.  Auch Yalom setzt sich im ersten Drittel seines Buches ausführlich mit seiner Familie, vor allem seiner Mutter und seiner Beziehung zu ihr, auseinander.

Yalom beeindruckte als Student bei einer Prüfung, nicht, weil er die Fakten beherrschte und die Fragen beantwortete, sondern weil er einen Fall wie eine spannende Geschichte schilderte und alle Anwesenden damit fesselte. Sacks gewann das Preisgeld für die Anschaffung seines Oxford English Dictionary für einen anatomischen Essay, obwohl er bei der Anatomie-Prüfung an der Universität gerade ein grandios schlechtes Ergebnis abgeliefert hatte.

So wie uns Sacks quasi wissenschaftsgeschichtlich durch die Neurologie und Psychiatrie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führt, tut Yalom dies für die Psychotherapie. Er leitet den Leser über Sigmund Freud - „Wille zum Trieb“ und Alfred Adler - „Wille zur Macht“ zu Viktor E. Frankl - „Wille zum Sinn“ und er tut eines, seit damals bis heute: er bringt Patienten wie Therapeuten und Leser nahe an den empathischen Spalt. Entgegen vieler anderer Glaubenssätze vom maximalen emotionalen Abstand und kompletter Selbstzurücknahme des Therapeuten gegenüber seinem Klienten hält er auch hier wieder ein warmes Plädoyer für ein seelisches Mitschwingen und eine Öffnung des Behandlers gegenüber dem ihm anvertrauten Leid. Dies vor allem im Angesicht der existenziellen Fragen von Freiheit und Verantwortung, Sinnhaftigkeit, Krankheit und Tod. Er schlägt den methodischen Bogen von der damals klassischen Psychoanalyse über die „Erfindung der Gruppentherapie“ bis hin zu Therapieversuchen per SMS oder Videokonferenz.

Dies schildert Yalom jedoch wie immer mit geübter Feder, ernsthaft aber ohne allzu niederdrückende Schwere. Dazu hilft manche Anekdote über die Zufälligkeiten des Lebens und auch hier das Kaleidoskop des Who-is-Who der Wissenschaft und Kunst, die ab einem bestimmten Zeitpunkt mit großer Selbstverständlichkeit in diesem Alltag stattfinden.

Doch neben allen aufschlussreichen Analogien und Differenzen dieser beiden fesselnden Lebensberichte bleibt nach der Lektüre ein subjektiver Beigeschmack: der eine scheint zu behandeln und zu forschen, um darüber zu schreiben; der andere behandelt und forscht und entscheidet erst im Nachgang über eine mögliche „literarische Verwertung“. 

"Wie man wird, was man ist: Memoiren eines Psychotherpeuten" von Irvin D. Yalom; btb Verlag; (20. November 2017) Preis: 25 €

Bei uns im Verleih: Link zum Katalog

 
 
 
 
 
 
 

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