Klaus Modick "Keyserlings Geheimnis"

Cover: Kiepenheuer & Witsch
Cover: Kiepenheuer & Witsch

Trübsal blasen wir wohl alle mitunter,
aber Konzerte damit zu geben, ist nicht empfehlenswert.

Eduard Graf von Keyserling

In seinem neuen (Künstler)-Roman widmet sich der Autor Klaus Modick, nach dem Kosmos Worpswede in seinem Buch „Konzert ohne Dichter“, nun einem weniger prominenten, immer  wieder einmal in das Bewusstsein der lesenden Menge aufzüngelnden Dichter und Dramatiker, Eduard von Keyserling. In „Keyserlings Geheimnis“ führt er den Leser in einer Verflechtung verschiedener Zeit- und Erzählebenen an die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert und die Jahrzehnte zuvor. Und es scheint, als hätte Modick „seinen Ton“ für dieses Sujet gefunden.

Eduard Graf von Keyserling wurde 1855 in Tels-Paddern im damaligen Herzogtum Kurland, heute Lettland, geboren. Er studierte Jura in Dorpat (heute Tartu), aus dem er jedoch, bei Nacht und Nebel überstürzt und ohne akademische Weihen, verschwand – um später erst in Wien, dann im Münchner Stadtteil Schwabing, häufig in illustrer, künstlerischer Gesellschaft wieder aufzutauchen.

Was damals an der Universität in Dorpat vorgefallen war, ob überhaupt etwas geschah, das diesen überstürzten Aufbruch erklären könnte, ist bis heute unbekannt und unbewiesen. Keyserling starb 1918 krank und verarmt in München, seinen Nachlass hat er bis auf sehr wenige Dinge vernichtet oder vernichten lassen. So kann Modick seine ganze dichterische Phantasie in diese „süße Lücke“ werfen. Und den Leser im Sittengemälde dieser Zeit das Schmöker-Maul wässrig machen: Liebe, Sex, Verrat, Untreue, Glücksspiel, Betrug, Sucht, Langeweile?

Bestehen kann allerdings die Vermutung, dass der Umzug nach München, die Flucht aus der miefigen, ehrpusseligen Provinz und der Abbruch des Studiums der trockenen Rechtswissenschaften sein künstlerisches Schaffen überhaupt erst ermöglicht oder zumindest beflügelt haben. Über Keyserlings Roman „Wellen“ schrieb ZEIT Autor Michael Maar im Jahre 2011 und überschrieb den Artikel völlig unironisch „Der ist ja besser als Fontane!“

Der Hauptstrang der Erzählung führt den Leser ins Jahr 1901: der damals erfolgreiche erfolgreiche Dramatiker Max Halbe lädt  einige seiner Freunde ein, ihn in die Sommerfrische am Starnberger See zu begleiten. Diese Einladung spricht er in einer Kneipe aus, die auf den schönen Namen „Dichtelei“ hört. Die ganze Szene ist sicherlich ein Höhepunkt des Buches, insbesondere der „Auftritt“ des Dichters Frank Wedekind.

Generell sind Modicks mit vermeintlich schnellem, aber umso pointierterem Strich quasi hingeworfene Aperçus der Eigenheiten der Clique, die Ausstaffierungen, Eitelkeiten, kleinen Bösartigkeiten ein willkommener Kontrapunkt zum latenten Schwermut des baltischen Adligen.

Keyserling folgt der Einladung Halbes zusammen mit einer Reihe anderer Künstler, so auch dem Maler Lovis Corinth, der in Begleitung seiner aktuellen, jungen und schönen Eroberung ebenfalls anreist. Keyserling ist zu diesem Zeitpunkt schon schwer und für die Umwelt sichtbar an Syphilis erkrankt, offenbar hat er sich in Wien bei einem der zahlreichen Besuche in einem einschlägigen Etablissement angesteckt. „Manchmal fragt er sich, wer eigentlich dieser Untote ist, der ihm da im Spiegel ins Auge blickt und hinter dem seine wahre Person immer unscheinbarer zu werden scheint.“ Doch Corinth will Keyserling unbedingt malen.

Corinths Freundin und Keyserling treffen sich zufällig und züchtig morgens früh am Badesee:
 „Der Lovis sagt, dass du Geheimnisse hast.“
„Jeder Mensch hat Geheimnisse“, sagt er.
„Der Lovis findet, dass dich das interessant macht. Und deshalb will er dich malen.“
„Unfug.“ Er schüttelt heftig den Kopf. „Du bist jung, du bist schön. Dich soll er malen. Nicht mich in meiner strahlenden Hässlichkeit.“

Doch am Ende willigt er ein und sitzt dem Maler in der Sommersonne Modell. Corinth versucht dabei, Keyserling auszuhorchen, hinter dessen Geheimnis zu kommen. Ohne Erfolg. Nur der Leser erfährt in Rückblenden, was war.

Und als das Werk vollbracht ist: „Es mach ja jut jemalt säin“, sagt er vielmehr leise und hört plötzlich in seiner Stimme den sanften Singsang der baltischen Mundart, ganz wie jene Opernsängerin, die sich erschrak, als sie zum ersten Mal ihre Stimme auf einer Grammofonplatte hörte. „Und jut unterhalten hat das Lovischen mich dabäi auch. So aussehn mecht ich aber lieber nich.“

Das Bild existiert bis heute; es hängt in der Neuen Pinakothek in München.
Und das letzte Wort überlassen wir an dieser Stelle dem Grafen:
Er hebt sein Weinglas. „Lass uns anstoßen.“
„Worauf?“
„Auf die Korrekturbogen des Lebens.“

"Keyerlings Geheimnis" von Klaus Modick; Kiepenheuer & Witsch; 1. Auflage, März 2018; Preis: € 20

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Bücher von Eduard von Keyserling in unserem Bestand: Link zum Katalog

 
 
 
 
 
 

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