Robert Seethaler "Der Trafikant"

Cover: Verlag Kein & Aber
Cover: Verlag Kein & Aber

Haben Sie in der vergangenen Woche zufällig die Wiederholung einer alten Folge der Krimi-Serie „Ein starkes Team“ gesehen? Der schrullige Dr. Kneissler, der dort als Gerichtsmediziner tätig ist, und so die Ermittler mit den nötigen Informationen versorgt, damit wir gegen 21.45 Uhr auch wirklich den Täter gefunden haben – das ist Robert Seethaler. Der Autor überaus erfolgreicher Bücher wie „Jetzt wird’s ernst“ (2010) oder „Ein ganzes Leben“ (2016) ist ebenfalls preisgekrönter Drehbuchschreiber und  Schauspieler, der auch vor  Nebenrollen in der „SOKO Donau“ oder der oben genannten nicht zurückschreckt.

Robert Seethaler wuchs in Wien auf, besuchte die Schauspielschule und lebt heute dort und in Berlin. Zurzeit ist sein neuester Titel „Das Feld“ in aller Munde; hier soll es aber um den Roman (der sowohl vom Umfang als auch der Stilistik auch als Erzählung eingeordnet werden könnte) „Der Trafikant“ gehen. Als äußerer Anlass kann der im Herbst anstehende Kino-Start der Verfilmung mit so prominenter Besetzung wie Bruno Ganz, Karoline Eichhorn etc. dienen

Das Buch erschien bereits 2012 und erzählt die Geschichte des jungen Franz Huchel, der Ende des Jahres 1937 aus dem idyllischen Nußdorf am Attersee im Salzkammergut von seiner Mutter nach Wien geschickt wird, um in der Tabak-Trafik des Otto Trsnjek künftig seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Der Trafikant  hat im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren, sitzt tagein tagaus über der Buchhaltung und betrachtet die Trafik samt Kundschaft als seine erweiterte Familie. In den folgenden Monaten schlüpft Franz aus seiner kindlichen Unbedarftheit wie ein Küken aus dem Ei und macht die Bekanntschaft mit dem Zeitungswesen und den Rauchwaren, der Liebe und dem Sex, der Psychoanalyse und der Politik.  

Otto Trsnjek führt ihn nach und nach in die Geheimnisse der Trafik ein; dort trifft er auch zum ersten Mal Professor Sigmund Freud, der dort „wie immer“ seine Virginia- Zigarren und die Zeitung kauft.

„Das war der Professor Sigmund Freud“, sagte Otto Trsnjek und ließ sich mit einem Ächzen zurück in seinen Sessel sinken. „Der Deppendoktor?“, entfuhr es Franz mit einem kleinen Erschrecken in der Stimme. Natürlich hatte er schon von Sigmund Freud gehört. Der Ruf des Professors war ja mittlerweile nicht nur an die entlegensten Flecken der Erde, sondern sogar bis ins Salzkammergut gelangt und hatte dort die meist dumpfen Fantasien der Einheimischen angeregt.

In der Folge entwickelt sich eine stille Freundschaft zwischen dem Professor und Franz, denn der Junge hat Fragen. Zum Leben und vor allen Dingen zur Liebe, also eigentlich: zu den Frauen. Im Prater hat Franz Anezka kennengelernt. Eine junge Böhmin, die weitaus weniger reinen Gedankens ist als er, die sich mit allen Mitteln durchs Leben schlägt und für die er bis zum Ende nur der „Burschi“ bleibt. Doch Freud, diesem Zeitpunkt schon über 80 Jahre alt und hochverehrt, sagt nur, er verstehe die Frauen auch nicht. „Die richtige Frau zu finden, ist ein der schwierigsten Aufgaben in unserer Zivilisation“ und auch ansonsten bleiben seine Ratschläge eher pragmatisch. Er gibt Franz zwar den Rat, sich Zettel und Stift neben das Bett zu legen, um seine Träume aufzuschreiben, aber weder Freuds großes Werk „Die Traumdeutung“ wird erwähnt, noch widmet er sich Franz‘ Träumen. Die Familie Freud bereitet in diesen Tagen ihre Flucht aus Wien nach England vor, die Ereignisse des Jahres 1938 werfen schon lange ihre Schatten voraus.

Der Trafikant Otto Trsnjek verteidigt derweil standhaft die Österreichische Republik gegen Nazis, Gestapo und dumpfe Mitläufer und wird folgerichtig als „Judenfreund“ von den schwarzen Uniformen abgeholt. Nun ist Franz der Trafikant und der Junge verliert binnen weniger Monate zwischen Zeitungslektüre und echtem Leben in mehr als einer Hinsicht seine Unschuld.

Im November 2012 erschien eine Rezension zum Buch in der FAZ, in der der Autor Andreas Platthaus schreibt:      

Seethalers Protagonist ist ein reiner Tor und möchte es bleiben: „Wer nichts weiß, hat keine Sorgen“, dachte Franz, „aber wenn es schon schwer genug ist, sich das Wissen mühsam anzulernen, so ist es doch noch viel schwerer, wenn nicht sogar praktisch unmöglich, das einmal Gewusste zu vergessen.“ …

Am Ende wird der Tor wissend geworden sein, und doch versperrt er, als ihn die Schergen abholen, die Tür zur Trafik:   "Weil wer weiß schon, was sein wird?“

Seethalers Text fließt vermeintlich leicht  und ohne dramatischen Überschwang, fast distanziert, dahin, ist aber dicht und komplex. Der Leser durchlebt die Geschichte bis auf zum Ende hauptsächlich aus der Perspektive des Jungen, nur ab und zu schaltet sich der Erzähler ein. Alle Nebenfiguren sind fein gezeichnet und haben eine klare Funktion. Der Autor nutzt die Klaviatur der uns vertrauten Symbolik – Natur, Milieus, Gerüche. Die Sprache ist durchfärbt vom österreichischen Wortschatz und Satzbau, Schwelgerisches wird scharf kontrastiert durch die kargen und teilweise antiquiert wirkenden Sätze, die Franz der Mutter ins Salzkammergut auf seinen wöchentlichen Postkarten schreibt.

Eine besondere Erwähnung ist an dieser Stelle das Hörbuch, das als ungekürzte Autorenlesung erschienen ist. Als ausgebildeter Schauspieler ist Seethaler ein hervorragender Vorleser und der wienerischen Klangfarbe folgend ist der Zuhörer schon nach wenigen Minuten gedanklich zwischen Prater und Berggasse unterwegs.

Als Erweiterung, Ergänzung, Vertiefung unbedingt zu empfehlen: Eric Vuillard: Die Tagesordnung. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Verlag Matthes & Seitz, 2018.

Robert Seethaler: "Der Trafikant", Roman. Verlag Kein & Aber, Zürich/Berlin, 2012. € 19,90

Bei uns im Verleih: Link zum Katalog

 
 
 
 
 
 

Öffnungszeiten Zentralbibliothek

Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Samstag

10-18 Uhr
10-18 Uhr
12-18 Uhr
10-18 Uhr
10-18 Uhr
10-14 Uhr

 
 
Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen