Antti Tuomainen "Die letzten Meter bis zum Friedhof"

Cover: Verlag Rowohlt
Cover: Verlag Rowohlt

„Ich habe eine Redewendung gehört, laut der man jeden Tag so leben sollte, als sei es der letzte. Ich denke, dass ich da noch einen draufsetzen kann. Ich lebe so, als würde der nächste Moment mein letzter sein.“ Der das sagt, ist  Jaakko Mikael Kaunismaa, 37 Jahre alt, erfolgreicher Pilzhändler im finnischen Niemandsland. Seine Frau Taina und er handeln seit einiger Zeit lukrativ mit Matsutake, dem sogenannten Kieferduftritterling, der nur in diesen finnischen Wäldern wächst und sich nicht züchten lässt. Der Pilz gilt in Japan als Delikatesse,  wird gehandelt wie  Trüffel und ist ein Symbol für Fruchtbarkeit.

Und nun das: Jemand hat Jaako vergiftet. Er wird sterben, die Ärzte können ihm nicht helfen. „Man könnte sagen, dass es Ihnen jetzt so gut geht, wie es Ihnen unter den Umständen gehen kann. Bis zu dem Tag, an dem es Ihnen schlechter gehen wird.“

Alles eben nur eine Frage der Zeit. Und nicht genug, muss der Todgeweihte zuhause auch noch feststellen, dass die Gattin, anstatt ihn dort zu erwarten und zu trösten, lautstark und halbnackt auf der Terrasse auf dem guten Freund und Mitarbeiter Petri reitet. Verdammte Axt. Zur Krönung hat sich außerdem noch Pilz-Konkurrenz eingestellt und die hat eine fatale Affinität zu ellenlangen und sehr scharfen japanischen Kampfschwertern.

Es entwickelt sich eine muntere Krimihandlung mit den üblichen Zutaten, Leichen - mehrere, Verfolgungsfahrten – kreisförmige, Kämpfe - blutige. Hier könnte dieser Text auf sein Ende einbiegen, wenn nicht, …. ja wenn dieses Buch nicht eines der wenigen wäre, bei dem das Statement des Testimonials auf dem Cover glaubwürdig und wegweisend wäre. Der berühmte finnische Filmemacher Aki Kaurismäki wird da bemüht und wer dessen Filme kennt (u.a. „I hired a contract killer“ aus dem Jahr 1990) weiß, was kommt. Der Autor bedient in den Abschnitten „Tod“, „Leben“ und „Liebe“ das komplette Repertoire des sehr speziellen finnischen Humors. Surreal, lakonisch, völlig abgefahren. Antti Tuomainen ist einer der angesehensten und erfolgreichsten finnischen Schriftsteller. Er wurde u.a. mit dem Clue Award, dem Finnischen Krimipreis ausgezeichnet, seine Romane erscheinen in über 25 Ländern. Ebenso sollen die Übersetzer Jan Costin und Niina Katharina Wagner erwähnt werden. Auch wenn manche Kritik an den Feinheiten der Wortwahl im Deutschen zu kritisieren hatte, muss konstatiert werden, dass den beiden eine hervorragende Übertragung ins Deutsche gelungen ist.

Jaako macht sich daran, die Dinge zu klären. Er hat nichts mehr zu gewinnen oder zu verlieren. Wer hat ihn vergiftet? Seine Frau? Sie würde die Firma erben. Deren Liebhaber? Der würde die Frau erben. Die Konkurrenz? Die sich schon daran gemacht hat, mit Durchsetzungskraft seine Leute abzuwerben. „Meine Gedanken erschrecken mich ein wenig. Dunkle Gedanken. Manchmal ist man von seinen eigenen Gedanken überrascht. Erst wenn sie da sind, begreift man, dass man fähig ist, sie zu denken.“ – und er handelt auch danach. Dabei entwickelt er zwischen Sehstörungen, Schwindelattacken und Übelkeit eine bemerkenswerte Vorliebe für große Mengen an Eis und Cola.

Die Geschehnisse schlagen Haken wie die Kaninchen auf der Flucht vor dem Fuchs und heben auch bald immer wieder sprachlich und dramaturgisch ein paar Zentimeter vom Boden der Realität ab. Und dann kribbelt es vor Vergnügen im Bauch beim Lesen wie ganz oben auf der Achterbahn.  

Kostprobe gefällig – an einer Hotelrezeption:

Der Drucker surrt, quietscht und klappert. Ilaris Blick wandert zu Boden, er stößt ein unterdrücktes Fluchen aus. Ich höre, wie das Gerät Papier ausspuckt.

"Es hört nicht auf. Es hört einfach nicht auf.“

„So sind sie, diese Drucker“, sage ich. „Das ist gewissermaßen ihr Naturell. Die drucken immer, wenn man es gerade nicht brauchen kann. Und wenn man sie braucht, streiken sie. Dann sind die Patronen leer, oder die Papierzufuhr ist defekt, oder die Maschine erkennt den Computer nicht oder umgekehrt. Wahrscheinlich wurde das digitale Zeitalter mit seinen virtuellen Inhalten genau deshalb erfunden. Weil die verdammten Drucker uns in den Wahnsinn treiben. Nichts gegen Papier, Papier ist nicht das Problem. Das Problem sind die schwarzen Buchstaben, die irgendwie auf das Papier draufmüssen. Ich vermute, nein, ich bin mir sicher, dass die Hersteller von Druckern und die Hersteller von Antidepresssiva unter einer Decke stecken. Das ist ein Komplott.“

Es ist ganz einfach: man liebt dieses Buch oder legt es nach spätestens 40 Seiten weg.

"Die letzten Meter bis zum Friedhof" von Antti Tuomainen übersetzt von  Niina Wagner und Jan Costin Wagner , Januar 2018, Rowohlt Verlag, € 19,95

Bei uns im Verleih: Link zum Katalog

 
 
 
 
 
 

Öffnungszeiten Zentralbibliothek

Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Samstag

10-18 Uhr
10-18 Uhr
12-18 Uhr
10-18 Uhr
10-18 Uhr
10-14 Uhr

 
 
Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen