Ulrich Alexander Boschwitz "Der Reisende"

Cover: Klett Cotta Verlag
Cover: Klett Cotta Verlag

„Menschenwürde, dachte er, man hat doch Menschenwürde, 
die darf man sich nicht nehmen lassen.“

Otto Silbermann


Wir kennen das: schon wieder ein Buch über das Dritte Reich, der Nationalsozialismus schon wieder Thema im Geschichtsunterricht der Kinder, das städtische Theater spielt George Tabori „Mein Kampf“, bei 3 SAT ist Thementag „Zweiter Weltkrieg“ und irgendwo hinten in unserem Kopf kreisen leise aber beharrlich summend die Sätze: „Reicht das jetzt nicht mal langsam auch, ist denn zu diesem Thema nicht schon alles erforscht, gesagt und gedacht? Muss das schon wieder sein?“

Dass dem auf gar keinen Fall so ist, zeigen in diesem Frühjahr der Roman „Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger und die preisgekrönte Erzählung „Die Tagesordnung“ von Eric Vuillard – jeder Text auf seine Weise.

Und ein dritter Titel gesellt sich dazu, der eine besondere Qualität hat, nicht aus dem „Draußen und Danach der Heutigen“ auf die Katastrophe guckt sondern einer, der zwar literarisch gefiltert, aber doch authentisch, in Echtzeit, vom Anrollen der Vernichtungsmaschine der Nazis im November 1938 erzählt.

Der Kritiker der Tageszeitung DIE WELT schrieb dazu im März 2018: „Vor diesem Buch muss man warnen. Man braucht starke Nerven dafür. … (Bei) „Der Reisende“ handelt es sich um das erschütterndste zeitgenössische belletristische Zeugnis, das wir über die Lebenswirklichkeit eines verfolgten Juden in jener Zeit besitzen.“

Ulrich Alexander Boschwitz, Jahrgang 1915, Heimatstadt Berlin, emigrierte 1935 gemeinsam mit seiner Mutter nach Skandinavien, studierte später an der Pariser Sorbonne. Schon in dieser Zeit erschienen erste literarische Werke. „Der Reisende“ entstand 1939 in England und wurde auch in den USA und in Frankreich veröffentlicht.

Kurz vor Kriegsbeginn wurde Boschwitz in England trotz seines jüdischen Hintergrunds als „feindlicher Ausländer“ interniert und nach Australien gebracht. Auf der Rückreise von dort nach Europa, er hatte sich als Soldat zum Kampf gegen die deutsche Armee gemeldet, wurde das Schiff, die Abosso (II), von dem deutschen U Boot U 575 torpediert und ging circa 1000 km nordwestlich der Azoren unter. Boschwitz starb mit 27 Jahren.

Der Herausgeber Peter Graf wurde auf das Typoskript aufmerksam gemacht, das im Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main aufbewahrt wird. Da Boschwitz selbst in Briefen an seine Mutter geschrieben hatte, dass das Manuskript der Überarbeitung bedürfe, trat Graf fast 80 Jahre später an dessen Stelle und machte nach der behutsamen Lektorierung das wieder zum Leben erweckte Werk der Öffentlichkeit zugänglich. 

Der wohlhabende jüdische Kaufmann Otto Silbermann kann es nicht glauben und will es nicht wahr haben. Im November 1938 marodieren Schlägertrupps durch Berlin, plündern, prügeln, verschleppen jüdische Bürger. Er, dem immer mal attestiert wird, er sähe so arisch aus und der mit einer Arierin verheiratet ist, wähnt sich in Sicherheit – der Spuk geht vorbei, da ist er ganz sicher.

Doch es kommt anders. Erzählt im unerbittlichen Rhythmus von Demütigung und Verunsicherung verliert Silbermann seine Firma, seine Frau, seine Wohnung, seine Zukunft. Seinem Geschäftspartner (dem er die Firma überschrieben hat), Kamerad aus Weltkriegstagen, jagt er, gepeinigt von Misstrauen und inneren Schreckensvorstellungen, von Berlin nach Hamburg nach und unverrichteter Dinge wieder retour. So beginnt sein Leben in der Reichsbahn.

 „Berlin – Hamburg, dachte er. 
Hamburg – Berlin
Dortmund – Aachen
Aachen – Dortmund

Ich bin überhaupt schon ausgewandert.
Ich bin in die Deutsche Reichsbahn emigriert.
In bin nicht mehr in Deutschland. 
Ich bin in Zügen, die durch Deutschland fahren. Das ist ein großer Unterschied. Wieder hörte er auf das Stoßen der Räder, die Musik des Reisens.“

Er versucht, mit Hilfe eines Schleppers nach Belgien zu fliehen, um von dort weiter nach Paris zu reisen, wo der Sohn studiert und versucht, Papiere für seine Eltern zu ergattern – viel zu spät. An der Grenze wird er erwischt.

„Wenn du dich noch einmal blicken lässt ….“, knurrte der Gendarm. Da drehte sich Silbermann um, durchquerte den Wald und stolperte über eine Wurzel wieder hinein in das Deutsche Reich.“

Er fährt zur Familie seiner Frau in Richtung Osten, doch der Schwager würgt ihn noch am Bahnhofstelefon ab. Er wolle doch nicht die eigene Ehefrau und auch die ganze Familie durch seine Anwesenheit gefährden? Also zurück nach Berlin, das Coupé inzwischen schützende Heimat. Er verliebt sich „auf der Bahn“ und er trifft alte Bekannte in Berlin, alle wie er, auf der Flucht. Doch er ist im Vorteil, noch hat er Bargeld, viel.

Als ihn Hamburger wieder auftauchen sah, rief er ihm über viele Köpfe zu. „Sehen Sie doch mal bitte nach, Silbermann, ob Sie nicht irgendwo eine Zeitung finden.“ Silbermann reagierte nicht auf diesen Zuruf. Mit verkniffenem Mund trat er an den Tisch heran und setzte sich. ...  „Sie kompromittieren mich ja“, stieß Silbermann gereizt und verdrossen hervor. Hamburger sah ihn an. Sein Gesicht verlor den Ausdruck des Behagens, …. Dann stand er wortlos auf, nahm von dem neben ihm stehenden Stuhl Hut und Mantel und kleidete sich an. …Silbermann blickte ihm nach. … Dafür, dass ich selbst ein empfindlicher Mensch bin, bin ich brutal genug. Man bleibt sitzen, man sieht ihn gehen und ist trotz allem auch noch froh, ihn los zu sein.

Opfer ist er also und Täter, ein ganz normaler Mensch, der zum Schluss alles verliert und auf der Flucht vor den Häschern unaufhaltsam in den Wahnsinn gleitet.

"Der Reisende" von Ulrich Alexander Boschwitz, herausgegeben von Peter Graf. Klett Cotta Verlag; (März 2018) Preis: € 20,00

Bei uns im Verleih: Link zum Katalog

 
 
 
 
 
 

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