Alexander Schimmelbusch "Hochdeutschland"

Cover: Verlag Tropen
Cover: Verlag Tropen

Das Cover sieht Buches zeigte einen Ausschnitt aus Casper David Friedrichs „Der Morgen“ und mutet somit eher an aus wie eine Ausgabe von Adalbert Stifters „Bergkristall“. Zwischen den Pappen tobt jedoch der (Un-)Geist des entfesselten Kapitalismus.

Ein Gedankenspiel – lesen Sie folgende Auszüge aus dem Text, was denken Sie?

„Unsere Heimat ist wieder mal auf die schiefe Bahn geraten, liebe Freundinnen und Freunde. Unsere letzten paar Regierungen haben sich der irrationalen Heilslehre der Märkte verschrieben, mit der Folge, dass unser geschwächter Staatsapparat nicht einmal mehr seine Basisfunktion der Kontrolle unserer Außengrenzen erfüllen kann.“

Hmmmmmmmmmmmm, na ja, …………………

 „Um unsere Heimat für die Zukunft zu wappnen, werden wir in Deutschland nicht umhinkommen, die sinnlose Ballung unvorstellbarer Privatvermögen zu beenden. …. Als geeignete Maßnahme erscheint eine harte Vermögensobergenze, die wir auf der Höhe eines Nettobetrages von 25 Millionen Euro pro Bürger ziehen werden und oberhalb derer etwaige Vermögenswerte an das Gemeinwesen abzuführen sind!“

Oooooooooooooooooooooch, …………………… so Unrecht ist da ja nicht. Wär schon gut, würde ich endlich auch mal was abkriegen vom Reichtum im Land.

„Die Steuerpflicht auf Vermögen wird mit der deutschen Staatsbürgerschaft zu verknüpfen sein, wirksam bis 10 Jahre nach Steuerflucht oder Selbstausbürgerung; … Denn zwei Dinge sind sicher im Leben, liebe Freundinnen und Freunde: Wir alle müssen irgendwann sterben. Wir alle müssen unsere Steuern zahlen.“

Genau! Sag ich ja schon immer!

„Die illegale Einwanderung hingegen werden wir konsequent unterbinden, … Anstatt sich auf morschen Kähnen dem Tode zu weihen, werden sich Reisende … bei Deutschland bewerben können, …. Das resultierende Kontingent der Integrationsfähigen werden wir dann durch ein humanitäres abrunden, aus allein reisenden Kindern, um der Welt ein freundliches Gesicht zu zeigen.“

Endlich sagt’s mal einer wie es ist.

Oder? Was waren Ihre ersten Regungen und Gedanken?

Zurück zum Buch: Alexander Schimmelbusch hat einen rund 200seitigen Band vorgelegt, der es in sich hat. Die Kritik versucht sich in zahlreichen Etiketten: Roman, Romansatire, Pamphlet, Satire, Essay. Nichts passt zu 100%.

Es geht um Victor, knapp vierzig, super reich, super gelangweilt, Banker, Teilhaber einer Bank, M & A Spezialist. Heißt: Mergers & Acquisitions, was für alle Transaktionen im Unternehmensbereich steht. Das ist ausgesprochen profitabel. Und Victor unterscheidet gut, zwischen dem, was er verdient und dem, was er bekommt. Aber – wie sagt der Volksmund: Geld allein macht auch nicht glücklich. Und der Dichter: "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" Schimmelbusch beschreibt System und Funktionsweise dieses Wirtschaftsbereiches mit großer Detailkenntnis, er hat selbst jahrelang für Banken auf der ganzen Welt gearbeitet und kennt alle Tricks und Absahnmethoden.

Victor hat eine Tochter (Victoria, sic!), die bei der Mutter groß wird und die er völlig irrational liebt. Er fährt einen E-Porsche und Fahrrad und lässt sich regelmäßig von einer attraktiven Masseuse „zur Hand gehen“. In Berlin hat er sich ein frugales Exil geschaffen, in dem er versucht, einen Roman über „einen U-Boot-Kommandanten und eine seelisch erloschene Prostituierte“ zu schreiben, aber das alles hilft nicht gegen die Kotzbrocken, mit denen er tagsüber Geschäfte macht.

Eines Abends schreibt er in seinem Hotelzimmer in einem Anfall von stupider Langeweile und Sinnentleertheit die Skizze eines alternativen Gesellschaftsentwurfs. Der Text gerät ihm zusehends in den Duktus eines kämpferischen Manifests. Er fließt ihm aus den Fingern wie einer seiner Pitches für einen möglichen Kunden. Der Kunde dieses Pitches: die Deutschland AG und ihre Bewohner.

Ja, ja, siehe Anfang!

Aus purem Daffke schickt er den Text unter der Betreffzeile „Der hessische Landbote“ seinem Jugendfreund Ali, einem Deutsch-Türken, dessen Eltern den Döner erfunden haben und der auf einem Kreuzberger Direktmandat für die Grünen, der „deutschesten aller deutschen Parteien“, im Bundestag sitzt. Von denen hat er die Nase mal gestrichen voll und da kommt ihm Victors Suada gerade Recht. Das Programm einer neuen Partei, seiner Partei.

Was bis zu diesem Punkt zwischen Utopie und Dystopie schwankt und fein changiert, was zwischen Satire, Ironie und Zynismus, sprachlich erschreckend exakt, mäandert, wird mit einem Schlag Realität. Raus aus dem Lesesessel, in dem wir uns an den geschliffenen Dialogen und professionell gesetzten Pointen delektiert haben. Wenn’s passiert, so oder anders – es soll niemand sagen, wir hätten es nicht wissen können.

Hier gibt es einen einzigen Diskussionspunkt über den Text. Eine erfolgreiche Schriftstellerin, befragt nach Schreibtechnik, Komposition, Inspiration etc., antwortete, es ginge ihr so wie vielen Kolleginnen und Kollegen. Figuren und Atmosphäre für einen Text habe man schnell, aber: die Handlung. Die Handlung sei oft ein großes Problem. 

Ob die Handlung ein „Problem“ für den Autor gewesen ist oder ob für ihn der Schwerpunkt des Textes auf etwas anderem gewesen ist. WENN der Leser eine stringente und logische Romanhandlung erwartet, dann wird er enttäuscht. Der Kern des Buches sind lange, fast essayistische Passagen, in denen Freund Ali und die Populisten der Deutschland AG das Ruder übernehmen und in der Folge an die Regierung gelangen.

„Hochdeutschland“ ist das Buch zur Stunde. Von den Marketingmaschinen der Verlage und des Buchhandels werden in diesem Segment gerade eine Reihe von Titeln hochgejazzt, die diesem weder in Inhalt noch Sprache das Wasser reichen können. Hier sind die Themen der Gegenwart aufgereiht und in der Satire bis auf die Spitze verknappt: Populismus, Aushöhlung der Demokratie, alte Nazis, neue Nazis, AfD, Verrohung der Gesellschaft, Raubtierkapitalismus.

Last but not least, es kann verraten werden: am Ende wird Victor erschossen, von der PAF, der „Porsche Armee Fraktion“. Puh, nochmal davongekommen.

"Hochdeutschland" von Alexander Schimmelbusch; Verlag Tropen Auflage: 7, August 2018 Preis: € 20,-

Bei uns im Verleih: Link zum Katalog

 
 
 
 
 
 

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