Lucy Fricke "Töchter"

Cover: Verlag Rowohlt
Cover: Verlag Rowohlt

Sie zündete uns beiden eine Zigarette an, bevor sie sagte:
"Erzähl mir etwas aus deinem verkorksten Leben, damit ich meines vergesse.“


Die Kritiken sprechen über eine „furiose Road-Novel“ (SPIEGEL online), einem „Roadmovie“ (Deutschlandfunk) oder einem „fantastischen Road-Trip“ (Zeit online) und immer schwebt über allem ein Hauch von „Thelma und Louise“. Okay, ich bin raus. Ich kenne „Thelma und Louise“ nicht. Ich hab das nicht gesehen. Habe vorsichtshalber mal nachgeschlagen, was kluge Menschen zum Genre „Road Movie“ geschrieben haben. Versuche es also trotzdem mal.

Zwei verkorkste Frauen, kurz vor der Midlife Crisis, von lebensuntüchtigen Müttern und an- und abwesenden diversen Vätern nachhaltig beziehungsgeschädigt, machen sich als Suizid-Taxi von Berlin auf in die Schweiz. Martha, verheiratet und kinderlos, gestresst von Kinderwunsch-Hormon-Behandlungen und Betty, Schriftstellerin und Journalistin mit mäßigem Erfolg und eben solchen Einnahmen.

Marthas biologischer Vater (long time no see), vom Krebs zerfressen, verlangt einen letzten töchterlichen Liebesdienst, die Fahrt in Richtung Todespille. Zur mentalen und fahrtechnischen Verstärkung nimmt Martha ihre Freundin Betty mit. Die beiden Frauen fahren mit dem bei jedem Atemzug beängstigend pfeifenden Kurt (ebenso wie sein uralter VW Golf) auf dem Rücksitz gen Süden. Und dabei, und während der zahllosen Kilometer, die noch vor ihnen liegen, passieren Gedanken und Unterhaltungen:

„Ich habe keine Lust, darüber zu reden.“, sagte ich. „Über Männer“
„Okay. Ich auch nicht. Ist auch öde.“
„Damit hat man mit zehn schon angefangen. Immer über Jungs reden. Immer unglücklich sein. Das ist so nahtlos. Erst redet man drei, vier Jahrzehnte über Männer, und dann redet man über Krankheiten. Wenn das kein vergeudetes Leben ist.“

oder

„Als ich das letzte Mal durch den Görlitzer Park gelaufen bin, haben die mir nicht mal mehr was angeboten. Dann fühlst du dich echt alt, wenn dich die Dealer nicht mehr ansprechen.“ …
„Wenn wir erst mal sechzig sind“, sagte sie, „stehen wir wieder auf der Liste.“
„Ist doch absurd, oder? Man hört in einem Alter mit Droge auf, wenn man sie am Nötigsten braucht.“ Als ich das sagte, fiel mir ein, dass ich am Morgen meine Tablette vergessen hatte. Die Drogen änderten sich bloß. Ich ging ins Bad, um eine Citalopram zu schlucken.

oder

„Im Notfall“, sagte Kurt, „brauchst du keine Freunde. Im Notfall brauchst du einen guten Arzt oder einen Anwalt. Freunde brauchst du für die guten Zeiten, die schlechten schaffst du auch allein. Für das Glück brauchst du Freunde. Wer kann denn allein feiern? Das Glück kannst du teilen, aber nicht das Leid. Das Leid wird immer nur verdoppelt.“

Kurz vor der Schweizer Grenze rückt Kurt dann auch mit der Wahrheit heraus. Es gibt gar keine Verabredung zum Suizid. Er möchte an den Lago Maggiore, um dort zu einer alten Jugendliebe zurückzukehren, mit der er seit einiger Zeit wieder Kontakt hat.

Martha und Betty liefern also den sterbenden Vater versorgt mit ausreichend Windeln und fast ausreichend Morphium bei Francesca in Stresa ab. Und  fahren weiter in Richtung Rom, um nun eine Lücke in Bettys Kindheit zu füllen. Einer der Freunde der Mutter war Ernesto, der Posaunist. Auch er verschwand grußlos aus dem Leben des Mädchens, riss ein Loch, eine Wunde, die nie ganz verheilte. In einem Rausch aus Nikotin, Alkohol, Antidepressiva-Entzug und chronifizierter Verzweiflung finden die beiden das gesuchte kleine Dorf in den Bergen und dort die Spur des „Vaters“.

„Was wollten Sie an Ernesto Carlettis Grab?“, fragte er.
„Ich habe versucht, es zu öffnen“, erklärte ich, ….
„Was wollten Sie aus dem Grab entwenden?“
„Gar nichts wollte ich entwenden. Ich wollte etwas dazu legen“, sagte ich.
„Was?“
„Mich.“

„Sind Sie verrückt?“, fragte er.
„Ja“, antwortete ich. „Inzwischen schon.“

Dass mit dem Grab und der ganzen Geschichte auch bei diesem Vater irgendetwas nicht stimmt, wird bald klar und so setzen beide ihre Reise getrennt fort. Betty auf eine kleine griechische Insel, Martha an den Lago Maggiore und am Ende doch wieder gemeinsam.

Gut, da ist auch ganz viel „Road“ mit im Spiel, aber für diese Figuren, diese Elenden, die sich an ihren Überlebens-Zynismus klammern wie Ertrinkende an das sprichwörtliche Stück Treibholz ist das Setting im Kern fast sekundär. So, wie der altersschwache VW Golf Kilometer frisst und Bewegung und Voranschreiten symbolisiert, so fest stecken die Figuren in ihren persönlichen Katastrophen und Dilemmata. Und jeder Versuch, sich zu befreien, sich zu bewegen, endet in einem innerlichen Aufheulen, das klingt, wie das Anfahren eines Autos bei angezogener Handbremse.

Als Leser kann man das alles nur aushalten, weil die Autorin in die präzise gebauten Dialoge einen Schutzabstand aus schwarzem Humor und Ironie zwischen die Figuren und deren Sturm der Emotionen und die Welt außerhalb der Fiktion baut.

Danke dafür und für diesen Text.

Die Lesung bei uns im Haus am Mittwoch, dem 24. Oktober um 19.30 Uhr.

"Töchter" von Lucy Fricke; Rowohlt Verlag; Auflage: 3, (März 2018) Preis: € 20,-

Bei uns im Verleih: Link zum Katalog

 
 
 
 
 
 

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